Digitale Transformation – Mission Possible

    Warum statt einer digitalisierten Wirtschaft nicht gleich radikal eine Digitalwirtschaft?

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    Prof. Dr. Thorsten Riemke-Gurzki, Direktor des Global Institute for Digital Transformation (gidt)

     

    Die Aufgeregtheit um das Thema Digitale Transformation ist in deutschen Unternehmen groß – und man könnte fast von einem fatalen Missverständnis sprechen: Es geht dabei nicht um die tagtägliche Evolution der Prozesse und Geschäftsmodelle. Es geht um nichts anderes als um viele kleine und große Revolutionen in zahlreichen Branchen, die diese nachhaltig verändern, zerstören und auf der anderen Seite auch neue Branchen aus dem Nichts erschaffen. Kurzum: Es geht um eine radikale Veränderung unserer Wirtschaft als direkte Folge von Globalisierung und neuen digitalen Technologien.

    Die digitalen Veränderungen sind schon lange bei uns angekommen. Alleine die Marktkapitalisierung der drei Digital-Konzerne Apple, Amazon und Alphabet (Google) liegt in der Größenordnung aller deutschen Vorzeigeunternehmen im DAX. Hier darf man berechtigt die Frage stellen, ob Deutschland den Anschluss nicht bereits verpasst hat. Alleine Amazon erwirtschaftete im Jahr 2014 einen Anteil von rund 2,6 Prozent am Gesamtumsatz des deutschen Einzelhandels. Und die Gewinne investierte der Konzern in den letzten Jahren weitgehend. Nicht nur in den Online-Handel mit Büchern, sondern auch entlang der Wertschöpfungskette bis hin zum Print-On-Demand Self-Publishing. Schauplatz nebenbei: Eine eigene Cloud-Plattform, die Amazon eigentlich für sich brauchte, aber zwischenzeitlich selbst ein Produkt ist.

    Es fällt nicht schwer, dahinter eine Strategie zu vermuten, die aus einem Handelsunternehmen eine aus Warner Bros. Comic-Filmen bekannte „A Company that Makes Everything“ macht. Das einzige Unternehmen, das der private Kunde braucht. Aus unternehmerischer Sicht zweifellos eine grandiose Vision. Viel zu spät haben die deutschen Medienunternehmen erkannt, dass eine Investition in Köpfe, Ideen und junge Unternehmen lukrativer sein könnte, als die Investition in Anwälte und Lobbyismus. Gut, das muss man präzisieren: Einige haben das erkannt.

    Industrielle Perspektiven auf globalen Märkten?

    Aber es tut sich auch etwas. Die Bundesregierung startete 2014 eine große Aufholjagd mit der Digitalen Agenda 2014-2017. Damit verbunden ist die Forschungsagenda Industrie 4.0 mit vielfältigen Forschungsbereichen von Technologie bis zum Menschen. Wie auch immer eine Industrie 4.0 aussehen mag: Die Weiterentwicklung des industriellen Bereichs ist ein wichtiges Kernthema, das keinesfalls vernachlässigt werden darf. Sie wird mittelfristig signifikante Wettbewerbsvorteile bringen.

    Dennoch müssen wir hinterfragen, ob der Standort Deutschland auf lange Sicht überhaupt eine industrielle Perspektive auf globalen Märkten hat. Es ist gut, dass der Staat eine digitalisierte Wirtschaft unterstützt und aktiv fördert. Aber: Wir denken aktuell über eine Weiterentwicklung nach. Greift das nicht zu kurz? Warum statt einer digitalisierten Wirtschaft nicht gleich radikal eine Digitalwirtschaft?

    Bei einer nüchternen Betrachtung ist der Standort Deutschland nicht gut für die Zukunft gerüstet. Dass wir zunehmend an digitalen Themen forschen ist gut. Besser aber sind marktreife Innovationen. Die vielzitierten cyber-physischen Systeme sind ein äußerst spannendes Thema für den wissenschaftlichen Diskurs. Ein Elektroauto des Kalibers Tesla Model S ist aber spannender für den Kunden. Denn dieser interessiert sich nicht für cyber-physische Systeme im Automobilbau, sondern für Produkte, die nützlich oder – wie hier aufgrund der Verknüpfung von Design, Technik und Internet – schlicht und einfach sexy sind.

     

    Digitale Kultur als Bedingung für Wettbewerbsfähigkeit

    Stuetzen-der-Digitalen-TransformationStützen der digitalen Transformation

    Wir können nicht erwarten, dass in einer neuen digitalen Geschäftswelt die alten Regeln gelten. Die Geschäftsmodelle der alten Welt sind nicht zwingend übertragbar. So ist das Innovationsmonopol von Unternehmen schon lange gefallen. Heute kann sich jeder mit anderen Menschen auf der ganzen Welt vernetzen und neue Produktideen entwickeln. Und jeder kann sie dank Crowdfunding und virtueller Wertschöpfungsnetzwerke von Design bis zur Produktion und Vermarktung auch ganz real umsetzen. Von der kleinen Idee für den Haushalt, die eine Marktlücke besetzt, bis zur Smartwatch, mit der etablierten Anbietern Marktanteile abgejagt werden. Angestammte Unternehmen sind schlecht beraten, sich auf die altgedienten Innovationzyklen bei der Produktentwicklung zu verlassen.

    Es bedarf eines grundlegenden Wandels hin zu einer digitalen Kultur in den Unternehmen. Die Anforderungen von außen erfordern gemeinsames Wissen und gemeinsame Innovationen im Unternehmen sowie vernetztes Arbeiten auf allen Ebenen. Intrapreneurship kann nur ein Anfang sein. Bringt eine Virtualisierung von großen Unternehmensstrukturen Vorteile? Kann ein Unternehmen aus Intra-Freelancern bestehen? Wie die Anforderungen der Zukunft aussehen, wissen wir heute noch nicht. Aber eines ist sicher: Wir kommen an einer digitalen Organisation nicht vorbei. Dazu gehört auch eine digitale Unternehmenskultur, die den offenen Austausch und die Eigenverantwortung der Mitarbeiter in einem unternehmensinternen Netzwerk fördert.

    Digitale Souveränität entscheidet über Wirtschaftskraft

    Die digitale Transformation hat einen tiefgreifenden Einfluss auf die Art, wie wir leben und arbeiten. Die anstehenden Veränderungen werden keine Frage des „Wollens“, sondern des „Müssens“ sein. Ob sie gesellschaftlich erstrebenswert sind, steht auf einem anderen Blatt. Doch wohin die digitale Reise geht, müssen wir erst noch herausfinden. Nur sind wir nicht mehr die globalen Lokführer. Wir müssen jetzt Sorge dafür tragen, dass wir überhaupt mitfahren.

     

    Für Unternehmen bedeutet dies mehr Unsicherheit und damit mehr Zwang zu Flexibilität, die vornehmlich die folgenden Bereiche betrifft:

    1. Denken: Gefordert ist eine Weiterentwicklung des unternehmerischen Denkens. Start-ups und Internet-Unternehmen machen vor, wie neue Ideen agil entwickelt werden können und mit welchen zum Teil sehr leichtgewichtigen Methoden diese zu den Kunden gebracht werden können
    2. Kultur: Eine der größten Herausforderungen ist die Etablierung einer – auf die Branche und das Unternehmen passenden – offenen digitalen Unternehmenskultur. Denn diese Kultur ist die komplexeste und langsamste Stellschraube im Unternehmen.
    3. Beobachten: Die Unternehmensleitung versteht sich als gut vernetztes Informationsdrehkreuz. Was passiert in den Bereichen Technologie und Gesellschaft? Das wissen die Mitarbeiter oftmals am besten. Um das herauszufinden, ist ein persönlicher Austausch, über die Hierarchie hinweg, die erste Wahl.
    4. Ideen entwickeln & ausprobieren: Mitarbeiter benötigen Freiräume, um eigene Produktideen zu entwickeln. Machen statt Hierarchie – dies ist ein Leitspruch, der fest in den Unternehmen verankert werden sollte.

    Nur sehr langsam werden die Veränderungen bisher wahrgenommen. Fakt aber ist, Deutschland hat schon lange seine digitale Souveränität verloren. Computertechnik kommt aus den USA und Asien. Die USA haben praktisch das Monopol auf Cloud-Dienstleistungen, vom Internet gar nicht erst zu sprechen. Amazon und Facebook kommen nicht aus Europa. Und wir besetzen erschreckend wenige digitale Schlüsseltechnologien. Wir sind von einer digitalen Souveränität weiter entfernt denn je. Der Standort Deutschland ist hochgradig abhängig von einigen wenigen Partnern geworden. Von einer digitalen Souveränität hängt aber letztendlich die zukünftige Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft ab.

    gidt-logo-print Logo_Digital-Business-mit-Schriftwww.gidt.institute/konferenz-digital-work-business-2016/

    Stuttgart, 9. Juni 2016

    Die Fachkonferenz, veranstaltet vom Global Institute for Digital Transformation (gidt), beleuchtet mit hochkarätigen Sprechern aus Praxis, Politik und Forschung die aktuellen digitalen Trends in den Bereichen Geschäftsmodelle und Arbeit. Der Themenpark Digitale Ideen zeigt praktische Innovationen zum Anfassen und die Digital Transformation Lounge lädt zum entspannten Networking ein.

    www.hdm-stuttgart.de/gidt

    Prof. Dr. Thorsten Riemke-Gurzki, Direktor des Global Institute for Digital Transformation (gidt) an der staatlichen Hochschule der Medien in Stuttgart. Thorsten Riemke-Gurzki ist ist Web-Pionier der ersten Stunde und Autor bzw. Mitautor einer Vielzahl von Publikationen im Themenfeld Digital Business