Chillax. Künstliche Intelligenz, der Schwarze Schwan und wie das Naheliegende aus dem Blick verschwindet

     

     

     

    Autor – Reinhard Karger, M.A., Unternehmenssprecher, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, DFKI

     

     

    Machen Sie die Probe: Fast täglich berichten Zeitungen und Magazine über Künstliche Intelligenz. Thematisiert werden aktuelle KI-Erfolge und rasante Aussichten, meistens die der jeweils anderen. Von internationalen Vergleichsstudien, von der Chancenlosigkeit Europas, aber ganz bestimmt Deutschlands, das unaufhaltsam zurückfallen würde. Abgehängt, übertrumpft, ausgestochen. Schade eigentlich!

    Und der Mensch? Keine Frage. Keine Chance! Denn das scheinen die KI-Erfolge vermeintlich zu zeigen: 1997: Schach, 2011: Jeopardy, 2016: Go, 2017: Poker. In den komplexesten Brett- und Kartenspielen sind Maschinen besser, schneller, schlauer als Menschen. Warum? Weil KI in diesen Disziplinen durch den Einsatz künstlicher neuronaler Netze, durch sehr viele Trainings- und Testdaten und extrem leistungsfähige Hardware mittlerweile weltmeisterliches Niveau erreicht hat. Spiele, in denen nur die Klügsten Weltmeister werden, die fleißigen Spezialbegabten mit dem besten Gedächtnis, die sich am besten konzentrieren können. Die Reaktion der Öffentlichkeit ist oft nicht nur euphorisch. Angst schwingt mit, von maschineller Exzellenz abgehängt zu werden. Der Mensch schafft sich ab. So scheint es. Und der passende Hollywood-Film wird dieser Tage bereits 50, “2001: Odyssee im Weltraum” kam am 11. September 1968 in die deutschen Kinos.

    „Der Mensch vergisst seine Menschlichkeit. Blendet aus, was er ist und was ihn ausmacht. Ist innerlich bereit, in Melancholie zu verfallen, anstatt die Axiome seiner hochkulturellen Selbstvergewisserung zu befragen.“

    Die ‚Krone der Schöpfung‘?

    Es gäbe raschen Trost, wenn man denn wollte, wäre man nicht masochistisch verliebt in dystopische Zukunftsszenarien. Selbstverständlich sind Maschinen herausragend, wenn die Aufgabe sehr speziell ist, wenn der Suchraum vielleicht groß, aber dennoch begrenzt ist und sich das Optimum eindeutig benennen lässt. So ist das und so kennen wir das. Deshalb haben Menschen Maschinen erfunden. 1785 patentierte Edmund Cartwright die erste Webmaschine und plötzlich konnte in kürzerer Zeit eine größere Menge Tuch produziert werden. Das gehört zur ersten Industriellen Revolution. Die Weber konnten wirtschaftlich nicht mit der Geschwindigkeit von Power Loom mithalten. Sie mussten sich neue Jobs suchen, hatten materielle Sorgen, waren finanziell gefährdet.

    Seit 2011 sprechen wir über die 4. Industrielle Revolution, über die vernetzte intelligente Produktion, Team-Robotik und Mensch-Roboter-Kollaboration. Natürlich wird sich der Arbeitsmarkt verändern. Selbstverständlich stehen die heutigen Prognosen – zwischen Massenarbeitslosigkeit und Vollbeschäftigung – offensichtlich auf schwankendem Boden. Aber bei KI geht es um einen neuen und emotionalen Aspekt: Der Mensch fühlt sich nicht nur wirtschaftlich und finanziell, sondern auch grundsätzlich in seiner Menschlichkeit bedroht. Von der Krone der Schöpfung zum Mängelwesen der Zukunft in wenigen kurzen Jahren und einfachen Schritten. Der Mensch beginnt, sich marginalisiert zu fühlen. Der Computer ist schuld und besonders KI.

    Computer – nur einseitig ‚begabt‘

    Der Mensch vergisst seine Menschlichkeit. Blendet aus, was er ist und was ihn ausmacht. Ist innerlich bereit, in Melancholie zu verfallen, anstatt die Axiome seiner hochkulturellen Selbstvergewisserung zu befragen. Es scheint naheliegend, dass das Herausragende auch das Interessante ist, dass Fähigkeiten, für deren Erwerb Menschen über alle Grenzen der Selbstdisziplinierung hinaus gehen müssen und Nächte lesen, üben und lernen – dass diese Fähigkeiten auch wirklich zu den faszinierendsten Seiten des Menschseins gehören. Aber das ist so nicht korrekt. Beispiel: Manche Menschen verbreiten Zuversicht, andere gute Laune oder auch das Gegenteil. Das gibt es nicht als Schulfach, sondern es sind persönliche Eigenschaften, Charakterzüge und – bei Zuversicht – eine Freude für Mitmenschen. Oder: Der Duft von frisch gemähtem Gras. Bei Menschen wird ein spontaner Gefühlssturm entfacht. Erinnerungen an Kindheit, Frühling, vergangene Familienpflichten stehen neben den To-dos für den kommenden Samstagnachmittag. Eine Maschine würde den Geruch hoffentlich korrekt klassifizieren.

    Wenn ein Mensch Schachweltmeister ist, ist er hochbegabt, emotional belastbar und wettkampferfahren. Wenn ein Computer gegen einen Schachweltmeister gewinnt, dann hat der Rechner ein sehr spezifisches Problem sehr erfolgreich bearbeitet. Aber der Rechner bleibt ein digitaler Fachidiot, hat keine Vorstellung von Spiel und Sieg, Erfolg oder Niederlage, kann eine Pizza nicht von einem Pfirsich unterscheiden. Kann etwas herausragend, aber das meiste nicht.

    KI vs. Mensch: Was ist einfach – was fällt schwer?

    Bereits in den 80gern haben Marvin Minsky und Hans Moravec auf das KI-Paradoxon hingewiesen: Je einfacher für den Menschen, desto schwerer für Maschinen – und umgekehrt. Es ist nachvollziehbar, dass wir so besonders stolz sind auf unsere hart erarbeiteten kognitiven Fähigkeiten. Allerdings ist Stolz nicht immer hilfreich. Maschinen sind durch KI auf dem Weg, uns in vielen Wissensdisziplinen den Rang abzulaufen. Allerdings ist Kognition eben nur ein Aspekt menschlicher Intelligenz und vielleicht eben nicht der wichtigste. Bei der sensomotorischen, der emotionalen und der sozialen Intelligenz sind Maschinen aktuell hoffnungslos unterlegen.

    Und Menschen sind sensomotorisch grandios. Es geht darum, welchen Bewegungsumfang wir mit unseren Füßen und Beinen beherrschen. Jeder und jede. Was wir mit unseren Händen und Armen ertasten und greifen, werfen und fangen. „In general, we’re least aware of what our minds do best“ schrieb Marvin Minsky bereits 1986 in seinem Buch “Society of Mind”. Wie wir auf Menschen zugehen oder ihnen fernbleiben und ihre Bedürfnisse oder Ausbrüche fühlen – ohne eine Bedienungsanleitung. Es geht darum, was den Menschen wirklich auszeichnet: Gemeinschaft, Mitgefühl, Zärtlichkeit und Herzlichkeit, natürlich auch Rache und Vergebung, Krieg und Frieden. Die Basis dafür ist eine unglaubliche Begabung mit verzweigten Zusammenhängen, mit Mehrdeutigkeiten und unterschwelligen Andeutungen, mit Vagheit umzugehen. Und das, ohne eine spürbare mentale Belastung.

    KI-Systeme erkennen Muster, aber keine Kausalitäten, können klassifizieren und sortieren, Korrelationen extrahieren. Das ist oft genau das, was man benötigt für sehr hilfreiche Werkzeuge bei Datenauswertung, Spracherkennung, Sprachsynthese, maschineller Übersetzung, Objekterkennung. Und es werden faszinierende Anwendungen ermöglicht. Dazu gehört ganz bestimmt das selbstfahrende Auto, das es heute noch nicht, aber 2030 sicherlich gibt. Das Autofahren ist vielschichtig, aber tatsächlich auch eine verständliche Aufgabe, die Menschen durchaus reflexhaft lösen und die Maschinen lösen werden, auch ohne die Welt zu verstehen.

    Das Phänomen der ‚Schwarzen Schwäne‘

    KI lebt von vielen Daten, faszinierend leistungsfähiger Hardware und Wahrscheinlichkeiten. Sind Ereignisse außerordentlich unwahrscheinlich, können weder Menschen noch KI-Systeme diese Ereignisse vorhersehen. Predictive Policing produziert Vorhersagen über die Wahrscheinlichkeit von Verbrechen in einer bestimmten Region, aber keine Uhrzeiten, keine Namen von Tätern und Opfern. Und auch die Polizei kann natürlich keine Taten vorhersehen, sie kann nur das Gelände sichern. Aber wenn etwas besonders Unvorhersehbares in der Welt geschieht, dann passen Menschen ihr Weltmodell augenblicklich an. Und eine Person, eine Marke, eine Branche, eine Partei, eine Nation erscheint plötzlich in einem ganz neuen Licht. Die letzten Jahre waren voller Beispiele in Wirtschaft oder Politik.

    KI-Systeme, die im Wesentlichen auf künstlichen neuronalen Netzen beruhen und die auch selbstlernend genannt werden, haben prinzipielle Schwierigkeiten mit solchen Schwarzen Schwänen umzugehen. Da die Menge an Trainingsdaten eine Rolle spielt, ist die Bedeutung einzelner Ereignisse erst mit einem Zeitverzug darstellbar. Menschen haben eine innere Vorstellung, können Schwarze Schwäne umgehend in ihre Weltsicht einbauen, ihre Einstellung unmittelbar anpassen, ihr Verhalten grundlegend ändern.

    Resumé

    Was sollten wir tun? Innehalten und die Aussicht genießen. Erkennen ist nicht verstehen. Das sollten wir nicht vergessen. Viele technische Lösungen sind möglich, ohne das Verstehen oder Erleben eine relevante Rolle spielen. Diese Anwendungen werden unser Leben verändern, bereichern und erleichtern, werden Gesundheit, Mobilität, Produktion, Wirtschaft verändern und verbessern.

    An Arbeit wird es dennoch nicht mangeln. Die handwerklichen Fertigkeiten, das Bauen, Reparieren, Renovieren, Pflegen und Hegen, die sozialen, die soften Kompetenzen werden an Bedeutung gewinnen. Das könnte auch bedeuten, dass die oft und zu recht beklagte Entfremdung in den industriellen, aber auch den pflegerischen Arbeitsprozessen möglicherweise tatsächlich deshalb abnehmen wird, weil brillant arbeitende Ingenieure extrem leistungsfähige Maschinen entwickeln, die es dem Menschen zum ersten Mal wirklich ermöglichen, nicht mehr nur ein Rädchen im Getriebe zu sein. Der Erfolg von KI kann die Werkzeuge und die wirtschaftliche Basis schaffen, dass Menschen ihre Talente besser entwickeln können und ihr Leben noch intensiver in Gemeinschaften erleben.

    www.dfki.de; reinhard.karger@dfki.de

    Seit 2000 leitet Reinhard Karger die Unternehmenskommunikation des DFKI, seit 2011 ist er Unternehmenssprecher. Reinhard Karger ist darüber hinaus Mitglied der Jury des „Ausgezeichnete Orte”-Wettbewerbs von „Deutschland – Land der Ideen”, war von Mai 2014 bis Juni 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen e.V. (DGI), ist seit Februar 2017 MINT-Botschafter des Saarlandes und wurde im März 2018 zu einem der 100 Fellows des Kompetenzzentrums für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes ernannt.