Meet Me In The Next Dimension

    Augmented Reality, 3D-Digitalisierung und 3D-Druck sind Themen, die große Auswirkungen sowohl für die Gesellschaft als auch für Unternehmen mit sich bringen. Vor allem 3D-Druck als Technologie hat mittlerweile eine breite Awareness zu verzeichnen – allerdings nicht in Bezug auf die tatsächlichen Dimensionen. Denn diese sind schwer zu erfassen, zum einen aufgrund der vielfältigen Einsatzgebiete und zum anderen, weil hier die Entwicklung teilweise sehr schnell vonstatten geht. Gleiches gilt für Augmented Reality – damit wird allgemein in erster Linie ein weiterer Schritt zur Perfektionierung im Gaming-Bereich assoziiert, aber über das mögliche Ausmaß der Technologie lässt sich, Stand heute, nur spekulieren. Welche Implikationen allgemein damit verbunden sein können, dazu nimmt der Experte Prof. Christopher Wickenden im DIGITUS-Interview mit Ulla Coester Stellung.

    Professor Christopher Wickenden, Professor für Kommunikationsdesign an der Hochschule Fresenius in Köln

    im Inteview

    mit Ulla Coester für DIGITUS

     

     

    Herr Prof. Wickenden, wo stehen wir heute in Bezug auf die genannten Technologien?

    Aufgrund der enormen Fortschritte und damit verbunden dem großen Einfluss, den 3D-Druck auf unsere Einstellung allgemein sowie speziell auch auf die Konsumgewohnheiten haben wird, besteht meines Erachtens ein extrem hoher Aufklärungsbedarf. Sowohl bezüglich der Möglichkeiten als auch der Restriktionen. Denn obwohl die Technologie bereits von Unternehmen sehr intensiv genutzt wird, wissen jedoch wahrscheinlich nur die wenigsten Konsumenten, dass zum Beispiel Automobilhersteller heute schon komplette Motorenblöcke aus Stahl in einem nahtlosen Verfahren mit verschiedenen Legierungen wie Kupfer und Edelstahl in einem Prozess drucken können.

    Die industrielle Anwendung von 3D-Druck ist die eine Seite. Sind darüber hinaus noch andere Szenarien denkbar und wo stehen Sie momentan mit Ihrer Forschung?

    In unserem Institut forschen wir in eine ganz andere Richtung, genauer gesagt in Bezug auf neuartige Einsatzmöglichkeiten der Technologie – zum Beispiel an der 3D-Visualisierung von Strategien, Methoden, Evaluierungs- oder Assessmentverfahren. Hierfür entwickeln wir Formeln basierend auf Algorithmen, die den Transfer von klassischen 2D-Ergebnissen/-Bewertungsschemata in 3D-Modelle verwandeln. Auf Grundlage der so erstellten Dateien entstehen Objekte aus Kunststoff, die uns eine völlig neue Perspektive auf Ergebnisse oder Ideen vermitteln.

    3D und 3D-Druck gibt einen Anstoß, dass wir uns zukünftig durchaus mit einer dritten Achse auseinandersetzen können. Unser Ziel ist es, über diesen Weg eine neue Interpretationskette zu bilden, die innovative Denkanstöße hervorbringt, wenn es darum geht, Probleme zu betrachten oder Lösungen zu entwerfen.

    Gibt es offene Fragen in Ihrem Bereich bezüglich der Entwicklung, die momentan noch gar nicht erörtert werden und die – mit dem Kenntnisstand heute – auch keinesfalls zu beantworten sind. Falls dem so ist, beeinflusst dies Ihre Entscheidungen bezüglich Ihrer weiteren Forschung?

    In der Forschung folgt auf die Beantwortung einer Frage gleich eine neue. Wir sind bei dem vorgestellten Projekt momentan mit einer der Anfangsfragen beschäftigt. Ich hoffe, aus unseren Ergebnissen – irgendwann einmal – einen Ansatz finden, um Gedanken und deren Aussagen als 3D-Modell oder Animation direkt sichtbar machen zu können. Grundsätzlich sollte es in der Zukunft möglich sein, problemlos dreidimensional zu kommunizieren. Quantentechnologie und damit verbundener Datentransfer ist bereits eine dreidimensionale Digitaltechnologie.

    Stellen Sie sich vor, wir könnten ebenfalls unsere Gedankengänge aus mehreren Perspektiven auf ihrem Weg zur Kommunikation ,begleiten’ und diese schließlich erfolgreicher als bisher vermitteln – dies würde vielleicht eine Möglichkeit eröffnen, um Diskussionen und Verhandlungszeiträume zu verkürzen. Abbildungen hiervon schaffen zudem weitere haptische Impulse und setzen neue Wahrnehmungsfaktoren frei. Vieles klingt heute noch ungewohnt, nach übernatürlichen Fähigkeiten – aber ist nicht Digitalisierung per se das überirdischste, was sich Menschen je ausgedacht haben?

    Wird die Gesellschaft alles problemlos adaptieren können oder verläuft die technologische Entwicklung schneller als die Anpassungsfähigkeit der Menschen? Und gleich eine Frage hinterher – ist die Entwicklung für Laien überhaupt noch transparent und nachvollziehbar?

    In der Tat verfügt heute kaum mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung über detaillierte Kenntnisse bezüglich der Technologie – vor allem im Hinblick darauf, welche gravierenden Veränderungen daraus resultieren können. Die Flut an Entwicklungen, die unseren Alltag beeinflussen ist so enorm und von daher kaum strukturiert erfassbar. Was mich in diesem Kontext allerdings wirklich erstaunt, ist das zunehmende Bedürfnis der Menschen sowohl nach Bequemlichkeit als auch Mobilität.

    Es scheint fast so, dass alles, was das eigene Leben vereinfacht oder wodurch es sich (scheinbar) schöner gestalten lässt, regelrecht aufgesogen und mühelos integriert wird. Neuerungen liegen nahezu täglich – verlockend dargeboten – auf den Präsentiertellern der Technologie-Unternehmen und werden sogleich von vielen Menschen bedenkenlos sowohl akzeptiert als auch konsumiert. Hier bildet sich eine Attitüde heraus, die wir mittlerweile als nur noch als ‚Quick & Dirty’ bezeichnen können. Denn diese gedankenlose oder gar oberflächliche Nutzung von Technologien führt zu einem gravierenden Verfall der Qualität – in jeglicher Hinsicht.

    Ich finde die Entwicklung paradox, dass die gefühlte Lebensqualität durch den Einsatz von Technologie weltweit zunimmt, aber das Verständnis für und die Wertschätzung von Qualität gleichzeitig rapide abnimmt. 3D-Druck ist ein gutes Beispiel dafür und wird diese konträre Ausrichtung noch verstärken. Virtual oder Augmented Reality bergen ähnliche Gefahren.

    Wie kann Ihres Erachtens eine Bewertung von Nutzen und Risiken der genannten Technologien stattfinden, die sich auch rechtfertigen lässt? Werden Sie bei Ihrer Forschung auch von äußeren Faktoren beeinflusst – zum Beispiel Zeitdruck aufgrund der Tatsache, dass die Entwicklung in anderen Ländern (mit einer eventuell weniger restriktiven Gesetzgebung) problemloser vonstatten gehen kann?

    Diese Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Es gibt sehr viele positive technologische Entwicklungen, mittels derer sich das Leben auf diesem wunderschönen Planeten lebenswert und sinnvoll gestalten ließe. Leider steht meistens jedoch hinter Forschung oder Produktentwicklung keine neutrale oder ausreichend kontrollierte Finanzierung. Hier ist im Prinzip die Politik gefordert, Forschung und Produktentwicklung mit mehr begleitenden Mitteln, Verträgen sowie verstärkter Kommunikation nicht nur zu unterstützen, sondern auch zu leiten.

    Diese Vorstellung ist allerdings utopisch, da die Wirtschaftsunternehmen darauf ausgerichtet sind, die Gesellschaft mit Produkten und Leistungen zu bedienen, die deren Lebensqualität erhöhen – und schon sind wir wieder bei dem bereits erwähnten Paradoxon. Folglich ist jeder Mensch selber gefordert, für sich Qualität zu definieren und entsprechend zu agieren. Am skip Institut legen wir beispielsweise besonderen Wert darauf, dass die Definition von Wertigkeit und Lebensqualität in unserer Wahrnehmung korrespondieren, da wir aktuelle Technologien nutzen, um innovative Technologie zu entwickeln.

    Ganz konkret – worin sehen Sie das Potenzial von Augmented Reality und 3D-Druck und was muss Ihres Erachtens getan werden, um die negativen Implikationen der Technologie möglichst gering zu halten, ohne das Potenzial zu beschneiden?

    AR/VR und 3D-Druck besitzen sehr großes Potenzial – darüber besteht meines Erachtens kein Zweifel und ebenso glaube ich, dass die positiven Aspekte dieser Technologien überwiegen. Beides beinhaltet Optionen für nutzbringende Auswirkungen auf die Umwelt. Hypothetisch wird es aufgrund von VR möglich, dass die Menschen weniger reisen möchten – Tourismus ist ein Bereich, der gut für eine „VR Home-Experience“ geeignet ist. Dabei werden Mobilität und Umgebung zwar simuliert, aber dennoch – aufgrund der perfektionierten 360-Grad-Visualisierung – kaum von der Realität zu unterscheiden sein. Mit der gleichen Methodik lassen sich auch Reha- und Traumatherapien maßgeblich unterstützen – vorteilhaft für den Patienten ist hierbei, dass die Anwendungen jederzeit online verfügbar wären und somit auf den eigenen Bedarf und Lebensrhythmus abgestimmt werden könnten.

    Weiter in die Zukunft gedacht kann ich mir vorstellen, dass es mittels VR möglich ist, jedem seine gewünschte Illusion und somit einen eigenen Rückzugsort zu bieten. Produktivität und Leistungserbringung müssen nicht mehr an einen Ort gekoppelt sein und Zeit spielt nur noch eine marginale Rolle, da ein allgemein konkretes Gefühl für 24 Stunden nicht mehr vorhanden ist. Ergebnisse werden die Leistung des Einzelnen definieren, unabhängig von Präsenz und persönlichem Austausch – denn dieser findet zunehmend über eines der zahlreichen Profile in einem sozialen Netzwerk statt. Eine Lebensqualität wird entstehen, die wir nur für uns alleine definieren können, in Entsprechung an die Erfüllung unserer Wünsche. Ich gebe zu, das klingt düster. Aber vielleicht bilden eben diese Ideen in Kombination mit der Technologie eine Grundlage für absolute Effizienz und gleichzeitig eine erfüllende Work-Life-Balance.

    Eine Frage zum Abschluss – wer muss zur Verantwortung gezogen werden, sich mit den Auswirkungen der Technologie gezielt auseinanderzusetzen? Oder wird das der Markt regeln?

    Tatsächlich lässt sich diese Frage eindeutig beantworten. Wir alle müssen die Verantwortung für die Konsequenzen der Technologie und dem, was daraus resultiert tragen. Dies können wir in der Gesamtheit einzig durch unser Verhalten bestimmen. Interessanterweise scheint die Entwicklung jedoch eher dahin zu gehen, dass mit den neuen Technologien die Verantwortung zunehmend abgegeben wird beziehungsweise werden kann – denn, wie bereits erwähnt, scheint Bequemlichkeit eine populäre Überlebensstrategie geworden zu sein. In diesem Konstrukt erscheint Verantwortung dann als Störfaktor und wird von daher gerne abgegeben. Das dies jedoch auf Dauer keinesfalls funktionieren kann, müsste eigentlich Jedem klar sein – wir können nicht alle Entscheidungen den Technologie-Unternehmen überlassen.

    www.skip-institut.de/christopher-wickenden

    Seit 2014 leitet Professor Christopher Wickenden als programmverantwortlicher Studiendekan die Studiengänge 3D-Design & Management und Angewandte Medien. Im Rahmen seiner wissenschaftlichen Arbeiten hat er das skip Institut für angewandte digitale Visualisierung gegründet, das als offizielles An-Institut der Hochschule Fresenius gemeinnützig tätig ist.

    www.xethix.com

    Ulla Coester, Journalistin, Beraterin und Coach. Als Mitbegründerin der Plattform www.xethix.com beschäftigt sie sich mit digitalen Trends und ist seit 2016 Dozentin an der Hochschule Fresenius, Köln.