„Driving into a Digital World“. Wie smarte Mobilitätskonzepte neue Dimensionen der digitalen Vernetzung ansteuern.

 

Interview mit

Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security bei T-Systems

 

Genauso wie Autos Sprit (oder Strom) zum Fahren benötigen, brauchen Automobilhersteller intelligente Mobilitätskonzepte, um auf der Überholspur bleiben zu können. Wer vernetzt denkt, kann seine Wertschöpfung laut „Connected C@r 2016“-Studie bis 2022 von 30 auf 50 Prozent steigern [1]. Schnelles Handeln ist gefragt, denn die Digitalisierung ist in vollem Gange.

Anette Bronder, Geschäftsführerin Digital Division und Telekom Security bei T-Systems, zeigt im Gespräch mit DIGITUS auf, warum sich keiner dem Thema „Connected Mobility“ verschließen kann. Fest steht: Die digitale Vernetzung hört nicht bei der Karosserie auf – sie wird den Alltag von Menschen revolutionieren

Frau Bronder, welche Trends sehen Sie 2017 im Bereich Automotive?

Digitale Mobilitätskonzepte gehören definitiv zu den Topthemen 2017 und darüber hinaus, es ist gerade vieles am Entstehen. Die Lösungen reichen von Smart Parking über vernetzte Autos bis hin zu digitalen Services für den Autohandel und Werkstätten, wie dem digitalen Showroom. Der Markt für „Connected Mobility“ nimmt Fahrt auf: Gartner prognostiziert ein Umsatzwachstum von rund 200 Prozent in den kommenden fünf Jahren – 140 Milliarden Euro soll das Marktvolumen dann betragen. Und nur etwa 20 Prozent aller Autos in Nordamerika und Europa sind bisher vernetzt, ein riesengroßes Potenzial.

Bei all der Zahlen-Euphorie gilt allerdings: Damit diese Services übergreifend funktionieren, braucht es ganzheitliche Konzepte und Standards, keine Insellösungen. Vor allem bei Smart Parking und Services für vernetzte Autos muss sichergestellt sein, dass die Autos und ihre Umgebung ein und dieselbe Sprache sprechen. Es geht darum, die Synergien von Playern wie der Deutschen Telekom, Automobilherstellern und Industrieunternehmen zu nutzen und im Interesse des Kunden zusammenzubringen.

Wie profitieren Autofahrer im Alltag von diesen Trends?

Nehmen wir beispielsweise Smart Parking. Ein wichtiges Thema, denn durch den explosionsartigen Anstieg des Verkehrsaufkommens werden in den Städten die Parkmöglichkeiten knapp. Durchschnittlich 4,5 Kilometer kreisen wir, bevor wir einen Parkplatz finden – das sind zehn bis 20 Minuten pro Suche. Von unnötigem CO2-Ausstoß ganz zu schweigen. Die Lösung: Echtzeitinformationen über freie Parkplätze mitsamt Reservierungsoption und minutengenauer Abrechnung des Parkplatzes – und das alles via App auf dem Smartphone.

Wie darf man sich die Vernetzung von Parkplätzen vorstellen?

Dazu braucht es gar nicht viel: Sensoren, die in den Parkplatz eingelassen werden, und Daten übertragen, Netzanbindung und leistungsfähige Cloud-Plattformen, die große Datenmengen in Echtzeit verarbeiten können. Und natürlich ein Mobilgerät, auf dem die Applikation läuft. Also alles, was wir als Telekom aus einer Hand bieten – deshalb ist es auch für uns ein attraktives Geschäftsfeld. Bei den Sensoren kommt mittelfristig der neue Netzstandard NarrowBand IoT (NB-IoT) zum Einsatz, der eine hohe Reichweite und beste Gebäudedurchdringung bietet – also auch Parkplätze in Tiefgaragen abdecken kann – und einen besonders niedrigen Energieverbrauch vorweist, damit die Akkus in den Sensoren mehrere Jahre halten.

Im November haben Sie einen Smart-Parking-Pilot im saarländischen Merzig angekündigt. Wie weit sind Sie hier?

Merzig ist für uns eine Art Smart-Parking-Feldtest. Wir sind in intensiven Gesprächen mit der Stadt und wollen in den nächsten Monaten mit 20 bis 30 vernetzten Parkplätzen zeigen, wohin die „Customer Journey“ von morgen führt. Im zweiten Schritt geht es darum, das System flächendeckend auszurollen – denn: je höher die Abdeckung an vernetzten Parkplätzen, desto höher der Mehrwert. Die Nachfrage bei den Städten ist definitiv da. Aktuell planen wir ein weiteres Smart-Parking-Projekt, bei dem wir Tausende von Parkplätzen in einer deutschen Millionenstadt vernetzen werden.

Wie wichtig wird Smart Parking für die Automobilindustrie?

Unternehmen wie die Deutsche Telekom ergänzen sich hervorragend mit Automobilherstellern: Wir bieten primär die Infrastruktur wie Konnektivität und Plattformen, unsere Partner die ausgefeilte Fahrzeugsensorik. Mobilitätskonzepte generell spielen eine entscheidende Rolle für die Industrie. Denn die Vernetzung hört nicht in der Karosserie auf. Wir sehen einen deutlichen Trend vom Connected Car hin zu Connected Mobility und umfangreichen Smart-City-Konzepten. Tatsächlich funktioniert unsere Parklösung allerdings zurzeit gänzlich ohne Beteiligung der Automobilindustrie. Es ist eine Smartphone-App, die Daten von Parkplätzen über die App ausliest.

Smart Parking – Parklösung als Smartphone-App

 

Aber natürlich ließe sich das erweiterbare, modulare System auch direkt in Autos verbauen und mit anderen Services verbinden, vom Erfassen von Verkehrsverstößen und das automatische Anpassen der Straßenbeleuchtung (Smart Lighting) an die Umgebung bis zu Kultur- und Entertainment-Angeboten oder der Kommunikation des Fahrzeugs mit dem Zuhause – so dass die Heizung an und das Garagentor offen sind, wenn man ankommt.

Zurück zur Industrie: Wie können Autohandel und Werkstätten im Service weiter digital aufrüsten?

Wir haben uns die Customer Journey im Automotive-Bereich sehr genau angesehen. Wenn Kunden zum Beispiel in den Showroom eines Autohauses kommen, erwarten sie hilfreiche Informationen zu ihrem Wunschmodell – und zwar so schnell und übersichtlich, wie sie es aus dem Internet gewohnt sind. Ist gerade kein Verkäufer verfügbar, springt unsere Customer-Experience-Management(CEM)-Lösung ein – beispielsweise im Audi Zentrum Stuttgart. Besucher des Showrooms laden sich dort einfach die CEM-App herunter und rufen über kleine Sendeeinheiten (iBeacons) an den Fahrzeugen Modelldaten oder Finanzierungs- und Leasingangebote ab. Sie können zudem ihre Kontaktdaten hinterlassen, um eine Probefahrt zu vereinbaren oder ein personalisiertes Angebot zu erhalten. Und die Vernetzung geht sogar noch weiter: Im Sales und Aftersales lassen sich Service- und Werkstatttermine planen und die Preise dafür sofort ablesen. Die Aufträge werden nach Kundenfreigabe direkt in das Händlersystem übergeben. Ihr Status ist mittels cloudbasierter Technologie Schritt für Schritt nachverfolgbar. Das sorgt für Transparenz.

Was raten Sie der Automobilindustrie, um im Connected-Mobility-Zeitalter nicht den Anschluss zu verlieren?

Zum einen zu mehr Offenheit und Kooperation. Im digitalen Zeitalter wachsen Industrien zusammen – die Vernetzung von Informations- und Kommunikationssystemen mit dem Straßenverkehr und der Infrastruktur ist nicht mehr aufzuhalten. Die Automobilgrößen sind daher gefragt, einerseits den Schulterschluss mit öffentlichen Akteuren zu suchen und vor allem eng mit Technologieexperten zusammenzuarbeiten. „Get tech on board as soon as you can“ – lautet die Devise im Silicon Valley. Man muss sich also auch intern für die digitale Welt rüsten und Veränderung aktiv vorantreiben – das Management um CDOs (Chief Digital Officers) oder CPOs (Chief Product Officers) verstärken, die den digitalen Wandel durchdacht bis in die kleinste Unternehmensecke umsetzen. Nur so kann der Schritt in eine vernetzte Zukunft gelingen: In ganzheitlichen Konzepten denken, sich der Digitalisierung nicht verschließen und Konkurrenzdenken ablegen. Dabei gilt es, keine Zeit zu verlieren. Und, ganz wichtig: Niemand schafft Digitalisierung allein. Es braucht Regulierungslösungen, Konzepte zu Datenschutz und Datensicherheit, ausgereifte Sensoren im Fahrzeug und starke Infrastruktur-Anbieter. Dieses enge Zusammenspiel ist wichtig für den Standort Deutschland und generell die Digitalisierung in Europa.

Frau Bronder, Wir danken Ihnen sehr für diese detailreichen Informationen und Ausblicke.

www.t-systems.de

Als einer der weltweit führenden ICT-Dienstleister bietet T-Systems integrierte Lösungen für Geschäftskunden. Mit Standorten in über 20 Ländern, 46.000 Mitarbeitern und einem externen Umsatz von 7,1 Milliarden Euro (2015) ist T-Systems Partner für die digitale Transformation. Das Portfolio bietet neben klassischer ICT Wege in die Cloud, bedarfsgerechte Infrastruktur, Plattformen und Software aus der Cloud sowie Innovationsprojekte rund um Big Data, Internet der Dinge, M2M oder Industrie 4.0.

Referenzen

[1]              http://www.strategyand.pwc.com/media/file/Connected-car-report-2016.pdf