Daten-Versteher. Innovationspotenzial von Industrie 4.0 und Big Data

Optimistische Signale: Deutscher Mittelstand erkennt Innovationspotenzial von Industrie 4.0 und Big Data

13 : 18 Querformat

Interview mit Sascha Bäcker, Solution Architect Analytics & Data, Fritz & Macziol

 

Der Handlungsdruck, Industrie 4.0 umzusetzen, steigt im deutschen Mittelstand – mittlerweile ist das Thema praktisch bei allen Unternehmen angekommen. Aber eine gültige und aktuelle Standortbestimmung bleibt schwierig: Auf der einen Seite haben viele Unternehmen den Startpunkt für konkrete Projekte noch nicht gefunden, doch gibt es auf der anderen Seite absolut visionäre Projekte, die auch auf dem Weltmarkt mit Sicherheit Bestand haben werden. Denn gerade der Mittelstand besitzt sehr viel Innovationskraft und kann oft sehr viel flexibler agieren.

Wie weit die deutschen Hidden Champions bei Internet of Things und Big Data sind, wie der Einstieg gelingt und ob die Automobilbranche als Paradebeispiel taugt, auf diese Fragen antwortet Sascha Bäcker, Solution Architect für Analytics & Data beim IT-Haus Fritz & Macziol, im Interview mit DIGITUS.

Herr Bäcker, welche unterschiedlichen Stufen von Industrie 4.0 und Datennutzung finden Sie in Unternehmen vor?

Der Einstieg in Industrie 4.0 heißt meist Datenauswertung. Dabei fangen viele Unternehmen zunächst mit einfachen, automatisierten Betriebsdatenauswertungen an, um eine einzelne Herausforderung zu adressieren. In komplexeren Projekten werden dann aber viele unterschiedliche Datentöpfe verknüpft. Das heißt, es werden etwa Energiedaten, Maschinenbelegung, Auftragsreports, Track & Trace und Vertriebsplanungsdaten in einem zentralen „Data-Lake“ zusammengeführt. Anschließend analysieren intelligente, selbstlernende Algorithmen die Informationen, um Korrelationen zu finden, die das Geschäftsziel unterstützen. Wenn zum Beispiel die Lieferfähigkeit verbessert werden soll, müssen dafür die Daten aus Produktion und Vertrieb untersucht werden.

Damit haben Sie bereits ein erstes Beispiel genannt. Können Sie darüber hinaus Tipps geben, in welche Richtung insbesondere mittelständische Unternehmen für eine Umstellung denken könnten und vielleicht auch sollten?

Unternehmer müssen oft sehr pragmatisch denken und handeln. Eine Industrieanlage, die einen gewissen Produktionsgrad erreicht hat und seit den 80er Jahren hervorragend läuft, bietet vielleicht gar kein so großes Optimierungspotenzial oder das nötige Investment scheint zu groß. Wichtig wäre hier, einen niedrigschwelligen Einstieg zu finden. Außerdem stellt sich die Frage, wie weitere Ansätze in anderen Geschäftsbereichen aussehen könnten. Denn auch traditionell produzierende Unternehmen haben viele weitere Abteilungen, die von schnelleren Prozessen und von effizienterer Arbeit profitieren können.

Konkret gefragt: Von welchen alternativen Ansätzen sprechen Sie?

Mögliche Bereiche wären hier: Läuft die Supply Chain, die Zulieferkette reibungslos? Bietet der Auslastungsgrad der Anlagen noch Potenzial oder kann man den Ausschuss in anderen Produktionsphasen noch minimieren? Welche Rolle spielen externe Faktoren wie saisonale Schwankungen oder sogar das Wetter? Unternehmen sind heute ohnehin so stark vernetzt, dass die Schnittstellen mitnichten nur bei einer Anlage zu suchen sind. Dabei empfiehlt sich ein Test, denn bevor die gewonnenen Daten zum ersten Mal mithilfe von Big-Data- und Analytics-Tools ausgewertet sind, lässt sich oft nur schwer einschätzen, wie viel Verbesserungspotenzial in den gewonnenen Erkenntnissen steckt.

Gibt es Unternehmen oder Branchen, deren Geschäftsmodelle sich gar nicht für Industrie 4.0 eignen?

Nein, ich kenne kein Beispiel. Selbst eine einstufige Fertigung hat eine Zulieferkette und Abnehmer. Aus meiner Sicht gibt es keinen Bereich, der darum herumkommen wird, zumindest Teile seiner Prozesse mit algorithmischer Intelligenz auszuwerten und zu optimieren. Selbst in alten Industrien wie dem Bergbau gibt es Überlegungen, mit Industrie-4.0-Technologien Prozesse zu optimieren und Verbesserungspotenziale auf Dauer zu nutzen. Denn es stecken einfach enorme Chancen in durchdachten Industrie-4.0-Konzepten und Big-Data-Ansätzen – und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung.

Dann stellen wir die Frage in umgekehrter Richtung: Gibt es Branchen, die besonders prädestiniert sind?

Auch hier antworte ich mit einem „Nein“. Industrie 4.0 bietet an allen Ecken und Enden Möglichkeiten – und das für Unternehmen jedweder Couleur. Es macht vielleicht einen Unterschied, wann Unternehmen und Branchen entstanden sind. Maschinenbau- und Automobilbranche sind in Deutschland alteingesessen, weshalb in ihren Produktionsstraßen und Abläufen wohl mehr Optimierungspotenzial steckt als in Unternehmen, die in den letzten zehn Jahren gegründet wurden, als die Digitalisierung bereits das Denken über Geschäftsmodelle und -Prozesse beeinflusst hat.

Hat die Automobilindustrie nicht eine Vorreiterrolle?

Zumindest in Teilen ist dabei eher der Wunsch der Vater des Gedankens. Auch in der Automobilindustrie gibt es, wie in allen anderen Bereichen, eine große Spreizung. Manche Unternehmen produzieren auf höchstem Niveau und liefern beste Qualität. Für eine Weiterentwicklung in Sachen Industrie 4.0 sind sie jedoch noch nicht ausgelegt. Zum Beispiel, weil die Sensorik fehlt, die den neuen Rohstoff Daten liefert. Andere Firmen sind wesentlich weiter. Neben den Großwerken der bekannten Autobauer etwa Zulieferer aus dem Bereich der Elektronik. Da diese erst in den letzten ein, zwei Jahrzehnten richtig Einzug in die Automobilbranche gehalten haben, fallen Investments in Richtung Industrie 4.0 nicht so hoch aus. Doch es spricht einiges dafür, dass die Industrie-4.0-Thematik im Bereich der Automobilindustrie zum Fliegen kommt. Die Supply Chain und der Auslieferungs-Prozess beispielsweise sind jetzt schon hochgradig optimiert und werden mittelfristig komplett digital sein.

Sie haben es schon angedeutet: Die Einführung von Industrie-4.0-Technologie erfolgt in der Regel Schritt für Schritt …

Genau. Industrie 4.0 in einem großen Hauruck-Projekt über ein komplettes Unternehmen zu stülpen, ist zum Scheitern verurteilt! Zum Start empfehlen sich immer ausgewählte Teilbereiche oder kleinere Projekte. So können beispielsweise in der Produktion Maschinen relativ einfach und kostengünstig mit Internet-of-Things-Technologie, also kleineren Sensorik-Elementen für erste Testläufe, ausgestattet werden. Damit lassen sich schnell Daten generieren, die nach erfolgversprechenden Korrelationen durchsucht werden. Interessant sind hier zum Beispiel Zusammenhänge zwischen Temperatur, Vibration und Ausschuss. Das heißt: Wenn eine Maschine bestimmte Temperaturen erreicht und dann noch Erschütterungen hinzukommen, werden vermehrt Ausschussteile produziert. Das klingt zwar zunächst banal, die Temperaturänderungen oder Erschütterungen können jedoch so gering sein, dass Mitarbeiter sie nicht weiter beachten. Mithilfe der Technologie werden also relativ schnell Erkenntnisse und Erklärungen geliefert.

Dies ist jedoch nur der erste Schritt. Von Industrie 4.0 kann man innerhalb eines solchen Teilprojekts erst dann sprechen, wenn diese Erkenntnisse genutzt, Maßnahmen zur Verbesserung getroffen und mögliche Teile der Steuerung dank der Erkenntnisse automatisiert werden. Solche erfolgversprechenden Teilprojekte gibt es mit Sicherheit in jedem Unternehmen zu entdecken.

Zum Schluss ein kurzer Blick in die Zukunft: Ist schon abzusehen, was noch alles möglich wird?

Eines ist sicher: Wir werden uns noch oft die Augen reiben über visionäre Projekte, denn wir stehen erst am Anfang einer spannenden Entwicklung. Und der deutsche Mittelstand hat hier ein riesiges Potenzial. Bei uns stehen Weltmarktführer zwischen Wald und Wiese – Unternehmen, die es mit ihrer Spezialisierung ganz nach oben geschafft haben. Das Interessante ist: Sie alle stehen der Digitalisierung offen gegenüber, weil sie ihre Position halten und weiter ausbauen wollen. Mit diesen Firmen zusammenzuarbeiten und Projekte aufzusetzen, ist einfach genial.

Herr Bäcker, vielen Dank für Ihre interessanten Ausführungen – und für Ihren optimistischen Blick auf die Chancen dieser Entwicklung.

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Sascha Bäcker, Fritz & Macziol ist Teilnehmer der Session

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Mittwoch, 5. Oktober 2016, 15.00 – 16.00 Uhr

Forum Organisation & Verwaltung

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Fritz & Macziol (F&M) ist ein herstellerunabhängiges IT-Haus mit einem ganzheitlichen Portfolio aus Beratung, Services, Software, Hardware und IT-Betrieb. Das Unternehmen gehört zu Axians, der Marke für ICT-Lösungen von Vinci Energies.