Einkauf – reloaded.

„Die zunehmende Digitalisierung fordert Einkäufer auf, in neuen Geschäftsmodellen zu denken.“

Interview mit

Hubmann

Dr. Hans-Egbert Hubmann, CPO bei Bilfinger SE

Eine Regel besagt, dass der Gewinn eines Unternehmens im Einkauf erwirtschaftet wird. Dass Material und Dienstleistungen nicht nur zuverlässig, sondern auch möglichst kosten- und ressourcensparend bereitgestellt werden, hat daher oberste Priorität. Im Zeitalter von Industrie 4.0 behalten diese Grundregeln ihre Gültigkeit. Doch einige Dinge werden sich ändern: Der Einkauf wird flexibler auf Veränderungen reagieren müssen und die Kommunikation innerhalb des Lieferantenmanagements wird um neue Kanäle erweitert werden.

Über die Chancen und Risiken der voranschreitenden Digitalisierung im Einkauf steht der Chief Procurement Officer von Bilfinger SE, Dr. Egbert Hubmann, Rede und Antwort.

Herr Dr. Hubmann, kaum ein Thema beschäftigt Unternehmen aktuell so sehr wie der Digitale Wandel. Was bedeutet diese Entwicklung für den Einkauf?

Trendbegriffe wie Industrie 4.0 oder Digitaler Wandel lassen sich nicht isoliert betrachten. Sie gehen einher mit anderen Digitalisierungstrends, also Bewegungen, die auf Geschäftsprozesse wirken. Genannt werden müssen die sozialen Medien, die die Art und Weise verändern, wie wir miteinander kommunizieren. Hinzu kommen das Internet der Dinge, aber auch erweiterte Realitäten – Augmented Reality – sowie Big Data. Dies alles beeinflusst, wie Unternehmen mit Kunden und Lieferanten interagieren, wie sie planen und wie sie sich weiterentwickeln. Außerdem wirken sich diese Trends auch auf Kundenschnittstellen, Innovationen und Prozesse aus.

Im Rahmen der Digitalisierung werden jeden Tag neue Geschäftsmodelle von Unternehmen entworfen und eingeführt. Ein Beispiel sind Werkzeuge beziehungsweise Arbeitstools in der Industrie, die über eine integrierte Schnittstelle automatisch Kontakt zum Wartungsdienst des Herstellers aufnehmen können. Diese Veränderungen und Neuerungen bringen einen hohen Automatisierungsgrad im Servicegeschäft mit sich und beeinflussen damit auch die Prozesse im Einkauf und Kundenmanagement.

Sie haben Big Data angesprochen. Welche Bedeutung hat dieses Schlagwort für Sie?

Zwar ist Big Data in aller Munde, doch gibt es keine konkrete oder einheitliche Definition. Meiner Meinung nach darf das Thema nicht separat betrachtet werden. Big Data ist nur einer von fünf strategischen Pfeilern, die zurzeit wichtig sind. Die anderen betreffen – wie schon zuvor erwähnt – die sozialen Medien, das Internet der Dinge, erweiterte Realitäten und die schon angesprochene Industrie 4.0.

Dennoch nimmt Big Data eine wesentliche Rolle ein, denn es beschreibt den zehnfachen Anstieg der globalen Datenmenge, die zwischen 2013 und 2020 erwartet wird. Durch die Vernetzung und Handhabung großer Datenmengen ist es aufgrund intelligenter Algorithmen möglich, viel schneller und gezielter zu reagieren. Diese Datenanalysen ermöglichen demnach mehr Flexibilität, Produktivität und letztlich auch Qualität.

In welcher Form kommt dabei der Einkauf ins Spiel?

Im Einkauf muss man sich die Frage stellen: Wie gehen wir mit dieser Entwicklung um? Aber auch: Wie gehen wir mit? Was kann der Einkauf tun? Wir stehen hier noch ziemlich am Anfang, weil wir noch nicht ganz genau wissen, was Industrie 4.0 letztendlich für die Prozesse bedeutet. Die Unsicherheiten aber auch Potenziale, die damit verbunden sind, lassen sich mit dem Aufkommen des Internets vergleichen. Anfänglich von vielen unterschätzt, hat es in kurzer Zeit eine dominierende Stellung im Geschäftsleben eingenommen. So wird es auch im Kontext Big Data und Industrie 4.0 sein. Dabei reden wir nicht von einem Zeitraum von fünf bis zehn Jahren, sondern lediglich von zwei bis drei Jahren.

Wird der Einkauf von morgen dabei in seiner heutigen Form weiterbestehen?

Jein. Der Digitale Wandel setzt Flexibilität und eine Anpassung an aktuelle Anforderungen, aber auch veränderte interne Prozesse und das Managen von Schnittstellen voraus. Das bedeutet für den Einkauf, dass er auf neue Wünsche und Bedarfe der Kunden und Lieferanten reagieren muss. Darin liegt aber auch ein enormes Potenzial: Neue Geschäftsmodelle werden veränderte und neue Netzwerkstrukturen ermöglichen. Ein Beispiel ist die Transformation von Geschäftsmodellen. War früher der Turnschuh das Produkt, ist es heute die Kombination aus Turnschuh, Fitnessband, Smartphone und einem Sensor.

Was das für den Einkauf bedeutet? Sicher kann sich jeder vorstellen, wie viel größer die Anforderungen für den Einkauf heute sind, denn er muss nicht nur einzelne Produkte, sondern ganze Produktkombinationen oder Systemlösungen im Blick haben. Dafür muss es entlang der gesamten Wertschöpfungskette im Unternehmen einen einheitlichen Datenfluss geben. Procurement-Entscheider müssen sich jetzt Fragen stellen wie: Wo hat der Einkauf seine Themen?

Der Einkauf wird also komplexer. Welche Rolle wird Big Data in diesem Zusammenhang zuteil?

Wer erkennt, wie wichtig beispielsweise intelligente Datenanalyse ist und warum die Wahl der richtigen Alternativen eine so große Rolle spielt, geht einen ersten Schritt in die richtige Richtung. Die Transparenz der Datenaufbereitung und dahinterliegende intelligente Algorithmen werden den Einkauf nachhaltig beeinflussen. Es geht um die beste Entscheidungsfindung aus einer vorgegeben Anzahl von Alternativen.

Um auf die vorherige Frage zurückzukommen: Den Einkauf in seiner heutigen Form wird es in ein paar Jahren so wohl nicht mehr geben. Er muss sich anders aufstellen und das Vernetzen intensiver leben und gestalten. Das kann beispielsweise durch eine Konzentration auf das Kerngeschäft geschehen oder durch Auslagerung, Einkaufsgemeinschaften oder einzelne Module – abhängig vom zugrundeliegenden Geschäftsmodell.

Für mich ist daher eine der Kernfragen: Was bedeuten all diese Trends für Unternehmen und ihre Geschäftsstrategie und wie können der Einkauf und der Supply-Chain-Prozess optimalen Support leisten? Ausgehend von diesen Fragen und den verschiedenen Lösungsansätzen werden die kommenden Jahre sehr spannend.

Und was sind aus Ihrer Sicht die Risiken?

Einerseits steigen Vielfalt und Flexibilität, andererseits sinkt vielerorts auch die Verlässlichkeit. Das gilt auch für die wichtigsten Elemente in der Zusammenarbeit: Stabilität und Vertrauen. Die Gefahr der Nichtpartnerorientierung könnte zunehmen, die Markenbindung – bei alleiniger Fokussierung auf das Produkt statt auf ein umfassendes Live-Cycle-Konzept – abnehmen.

Eine weitere Gefahr ist zudem, dass der persönliche Kontakt in Mitleidenschaft gerät. Dabei ist diese soziale Ebene essentiell und darf nicht vernachlässigt werden. Trotz E-Mail, Social Media und Co.: Einkaufsteams müssen persönlich kommunizieren. Hier gibt es sicherlich Unterschiede zwischen den Generationen. Die älteren Mitarbeiter im Unternehmen sollten ihre jüngeren Kollegen jetzt auf die Wichtigkeit dieser Kunden- und Lieferantenansprache auf Augenhöhe aufmerksam machen. Die Digitalisierung führt zwar dazu, dass die Kontaktaufnahme leichter wird und sogenannte Kommunikationskosten reduziert werden können. Das sagt aber nichts über die Qualität der Kontakte aus. Stattdessen werden Informationen immer mehr verdichtet. In mittelständischen Unternehmen kann der Chef vielerorts noch die soziale Komponente einbringen. In großen Konzernen wird es immer schwieriger, diese Werte zu teilen und vorzuleben. Nicht zu vergessen ist das Thema Compliance, auf das Firmen achten müssen.

Wer bestimmt Ihrer Meinung nach, wohin die Reise im Einkauf geht?

Es sind die Märkte, die die technologischen Trends vorgeben. Vereinzelt werden die Anforderungen auch von innovativen Unternehmen identifiziert und adressiert. Der Einkauf in jedem Unternehmen muss individuell entscheiden: Wo gehen die Märkte hin? Welche Trends werden gesetzt? Welche innovativen Servicepakete um das Produkt herum werden angeboten? Wie können wir unsere Dienstleistungen anpassen, so dass sie Kunden, Märkte, Produkte und Anforderungen ansprechen und unsere Marktsituation optimal ausgespielt wird? Das ist eine sehr dynamische und hochkomplexe Aufgabe. Es gibt nicht eine einzige patentierte Lösung. Stattdessen geht es um das Gesamtgefüge. Industrie 4.0 ist nur im Zusammenhang zu sehen.

Herr Hubmann, wir danken Ihren für diese aufschlussreichen Ausführungen.

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Bilfinger SE ist ein international führender Engineering- und Servicekonzern. Mit umfassendem technologischen Know-how und der Erfahrung von knapp 60.000 Mitarbeitern bietet das Unternehmen maßgeschneiderte Services für Industrieanlagen und Immobilien. In seinen Geschäftsfeldern Industrial und Building and Facility erbringt Bilfinger eine jährliche Leistung von mehr als 6 Mrd. €.