Dashboard der vernetzten Produktion

Industrie 4.0-Portale kombinieren intelligente Sensortechnologie und Portal-Software

Interview mit

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Oliver Lingg, Head of Industrial Software/Central Research & Development bei der SICK AG

Die vernetzte Produktion kommt in manchen Branchen nur sehr langsam in der Praxis an – auch wenn das „Internet der Dinge“ als Schüsseltechnologie längst die Voraussetzungen dafür bietet. Vernetzte Prozesse und der kontinuierliche Austausch von Daten sind dabei das Herzstück der Entwicklung. Die Ziele sind die Koordinierung zwischen weltweit verteilten Standorten, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, sowie gemeinsame Wertschöpfungsnetzwerke.

Das Potenzial der Digitalisierung wird unter anderem auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung in der Publikation Zukunftsbild „Industrie 4.0“ [1] formuliert. Doch was sich in dieser Veröffentlichung noch sehr nach Zukunftsmusik anhört, ist heute schon Realität – zumindest in einigen Teilen der Wirtschaft. Dennoch haben viele Unternehmen noch ihre Mühen bei der Realisierung der Digitalen Transformation. Man könnte also sagen: die digitale Zukunft ist schon da – sie ist nur noch nicht gleich verteilt.

Als Grund für die zögerliche Umsetzung dieser Technologien in konkreten Anwendungsfällen wird oft der Mangel an konkreten Werkzeugen und Prozessen angegeben. Denn die heutigen Implementierungen beruhen meist auf proprietären Lösungen, die nur mit großem Aufwand entstehen und auf einen speziellen Anwendungsfall ausgerichtet sind. Industrie 4.0 gibt es demnach noch nicht „von der Stange“ und bei der Schaffung effektiver Use Cases ist die Fantasie der Anwender gefragt.

Abbildung 3, Detailaufnahme aus dem Showcase

Aus diesem Grund will ein Co-Innovationsprojekt zu konkreten Anwendungsmöglichkeiten inspirieren und auf diese Weise zeigen, dass auch der Mittelstand Industrie-4.0-Szenarien umsetzen kann. Dafür haben der Freiburger Softwarehersteller United Planet und die SICK AG – Technologieführer im Bereich intelligente Sensorik – einen Showcase erstellt, der Industrie 4.0 für alle begreifbar macht. Im Interview erläutert Oliver Lingg, Head of Industrial Software/Central Research & Development bei SICK, die Entwicklungschancen für Unternehmen aller Größen.

Herr Lingg, was war das Ziel des Co-Innovationsprojekts und was wurde konkret umgesetzt?

In unserer Vorstellung umfasst der Begriff Industrie 4.0 insbesondere das Zusammenwachsen von bestehenden IT Systemen und Prozessen mit der industriellen Fertigung. Im konkreten Fall des Co-Innovationsprojekts wurde ein beispielhaftes Industrie-4.0-Portal erstellt. Hierin können Messdaten aus der Produktion visualisiert, aufbereitet und für Geschäftspartner verfügbar gemacht werden. Das Ziel war, Messdaten von Sensoren aus der Produktion in Applikationen und Portalen optimal nutzbar zu machen.

Das Ergebnis der Zusammenarbeit ist eine Erweiterung für die Portal-Software Intrexx, mit der auf die Daten von industriellen Sensoren der Firma SICK zugegriffen werden kann. Technisch wird dazu die sogenannte SCL (SOPAS Communication Library) genutzt. Die Anwender brauchen sich nicht um die technischen Details der Integration in das Portal zu kümmern. Die Implementierung von neuen kundenspezifischen Anwendungen kann deshalb wie bisher durch Systemintegratoren bzw. den Kunden selbst vorgenommen werden.

Welche Vorteile bringt die Kombination von Sensortechnologie und der Portal-Software?

Bereits heute bieten industrielle Anlagen die Möglichkeit, Daten in die höheren Ebenen der IT-Systeme zu kommunizieren. Allerdings ist dies stets mit einem sehr hohen Aufwand verbunden, da die heutigen industriellen Software-Produkte sehr speziell auf einen Anwendungsfall ausgerichtet sind. Dabei liegt das Augenmerk nicht auf der Kommunikation der Daten in ein offenes Portalsystem, sondern vielmehr auf der Anzeige in einem Kontroll- oder Leitstand. Darüber hinaus erfassen die Sensoren viel mehr Daten, als in den Anlagen weiterverarbeitet werden können. Ein Ziel der Aktivitäten um Industrie 4.0 ist es deshalb, auch diese Intelligenz der Sensoren für Anwender nutzbar zu machen.

Von der Kombination von Sensortechnologie und Portal-Software versprechen wir uns die Möglichkeit, Sensordaten in konkrete Anwendungen zu bringen. Portal-Software ermöglicht eine kostengünstige Applikationsentwicklung ohne großen Programmieraufwand. Wir sehen sie daher als Türöffner solcher neuen Anwendungen. Vielleicht kann man die um Industrie-4.0-Konzepte erweiterten Portale als „Dashboard der vernetzten Produktion“ bezeichnen. Wohlgemerkt sprechen wir hier nicht von Echtzeit-relevanten Steuerungsdaten. Diese werden weiterhin von dedizierten Steuerungssystemen verarbeitet.

Das Hauptthema von Industrie 4.0 ist die vernetzte Fabrik. Wie kann die Vernetzung auch über das Werkstor hinaus weiter vorangetrieben werden?

Portale bieten schon jetzt die Möglichkeit der Einbindung von Kunden und Lieferanten in die Prozesse der Unternehmen. Durch die Kombination mit der Software der SICK AG werden nun auch Informationen aus der Anlage verfügbar – beispielsweise in unserem Fall für das Intrexx-Portal. Das führt dazu, dass alle Beteiligten enger in die Abläufe integriert werden. Dies ist die Basis für Kunden- und Lieferantenportale, die wiederum neue Geschäftsmodelle wie Produktion On-Demand ermöglichen.

Herr Lingg, vielen Dank für die Erläuterung dieses interessanten Projekts.

Referenzen [1]              https://www.bmbf.de/pub/Zukunftsbild_Industrie_40.pdf

www.sick.com

Die SICK AG ist einer der weltweit führenden Hersteller von Sensoren und Sensorlösungen für industrielle Anwendungen. Das 1946 von Dr.-Ing. e. h. Erwin Sick gegründete Unternehmen mit Stammsitz in Waldkirch im Breisgau zählt zu den Technologie- und Marktführern und ist mit mehr als 50 Tochtergesellschaften und Beteiligungen sowie zahlreichen Vertretungen rund um den Globus präsent.

www.unitedplanet.com

United Planet ist Pionier im Bereich Unternehmensportale „out of the box“. Das Unternehmen ist seit 1998 am Markt und gehört mit über 4.800 Kunden und mehr als einer Million Nutzern zu den Marktführern im Bereich der mittelständischen Wirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und Organisationen (z.B. Kliniken).

Unter www.industrie40-portal.de werden die Möglichkeiten von Industrie 4.0 nach unterschiedlichen Einsatzbereichen aufgeschlüsselt: von der automatisierten Einbindung von Zulieferern bis hin zur Produktion On-Demand.

SICK AG auf der Hannover Messe: Halle 8 | Stand D36