Start-ups. Die ‚jungen Wilden‘ sind gefragt. – Die Digitalisierung der Medienbranche –

Autor – Masoud Kamali ist CEO und Gründer von WestTech Ventures sowie der S&S Media Group

In der Medienlandschaft herrscht große Unsicherheit. Wie wird es weitergehen, wie geht man mit der Digitalisierung um, welche Herausforderungen ergeben sich dadurch und wie bleibt das eigene Produkt zukunftsfähig? Denn die Digitalisierung ist nicht mehr nur Trend, sondern Realität und bei vielen Content-Produzenten wächst dadurch die Sorge. Die Arbeit von Journalisten zum Beispiel verändert sich beinahe im Sekundentakt und damit auch die Anforderungen. In vielen Bereichen müssen im Akkord Inhalte kreiert und produziert werden, das Kernteam schrumpft und in manchen Ressorts findet man beinahe ausschließlich freie Redakteure. Das stellt zum einen eine enorme Herausforderung dar und bietet gleichzeitig vielseitige Chancen.

Schon jetzt gibt es viele neue Ideen, die die Vorteile der digitalen Welt für sich zu nutzen wissen: Formate, die klassische Medien mit digitalen mischen, ausschließlich im Netz zu finden sind oder Inhalte ganz anders präsentieren. Sieht man sich die internationale Medienbranche an, stellt man fest, dass hier sehr zeitgemäß auf die Herausforderungen reagiert wird und klassische Printmedien wie die New York Times dank digitaler Abos mehr Abonnenten als je zuvor zählen.

Auch auf der Start-up-Seite gibt es Vorreiter: So haben sich zum Beispiel BuzzFeed und Business Insider auf die neuen Ansprüche und Wünsche der Kunden eingestellt und Online-Portale entwickelt, die perfekt auf ihre Zielgruppen abgestimmt sind. Axel Springer hat dieses Potenzial erkannt und Ende September 97 Prozent des Business Insider, der erst 2007 gegründet wurde, für einen dreistelligen Millionenbetrag gekauft. In BuzzFeed wurde in den letzten Jahren ebenfalls insgesamt ein dreistelliger Millionenbetrag investiert.

Medien-Start-ups: innovative Konzepte & neue Business-Ideen

Um genau diese Entwicklungen auch in Deutschland weiter voranzutreiben, startete der Berliner Inkubator Project Flying Elephant im Oktober sein erstes Medien- und Medientechnologie-Batch. Der Medieninkubator wurde mit der Vision entwickelt, einmalige, innovative Konzepte im Bereich der neuen Medien für einen gewissen Zeitraum zu fördern, um gemeinsam mit den Start-ups an deren Business-Idee zu arbeiten und das Produkt so auf einen erfolgreichen Weg zu begleiten.

Nach wie vor gilt für den Bereich der Medien: Content ist King. Allerdings ist es unerlässlich, dabei auf die Veränderungen des Medienkonsums zu reagieren, die richtigen Schlüsse zu ziehen und diese Erkenntnisse in die Produktentwicklung und die Ideenumsetzung zu integrieren. Dieses Prinzip verfolge ich seit zwanzig Jahren mit meinem IT-Verlag Software & Support Media. Auch wir mussten uns den Herausforderungen stellen, die der digitale Wandel für die Medien- und Verlagsbranche bringt, und wir haben damit sehr früh begonnen. Neben den Printmagazinen wurden immer mehr digitale und vor allem auch mobile Formate geschaffen – und diese Kombination von klassischen und neuen Medien funktioniert sehr gut.

Alle acht Start-ups, die seit Anfang Oktober Teil unseres Inkubators sind, haben erkannt, was ein Format heutzutage mitbringen muss und begegnen dieser Problematik mit anspruchsvollen Ideen, Themen und Konzepten. Im Content-Bereich konnten wir vier Start-ups für das Project Flying Elephant gewinnen: Wir sind überzeugt, dass sie die Fähigkeit haben, qualitative Inhalte in einem themen- oder leserfokussierten Bereich zu schaffen, der langfristig das Potenzial hat, eine feste und vor allem wachsende Leserschaft zu gewinnen.

Start-up-Förderung: Unterstützung bei allen operativen Themen

Dass Journalismus und Content-Erstellung immer technologiegetriebener werden, ist Fakt. Die Herausforderung liegt dabei darin, Content zu nutzen, zu erstellen und verschiedene Plattformen zu verbinden, um User an sich zu binden. Diese Entwicklung wird sich in den kommenden Jahren immens verstärken und genau an dieser Schnittstelle setzen wir im Medientechnologie-Bereich an. Die ausgewählten Teams erhalten zuerst ein Angel-Investment gegen eine kleine Minderheitsbeteiligung. Gerade am Anfang ist es uns sehr wichtig, dass die Gründerinnen und Gründer Vollzeit an ihrem Projekt arbeiten können, denn dies ermöglicht den Fokus auf das eigentliche Produkt.

Unser Anspruch ist es, die Teams bei allen operativen Themen vollumfassend zu unterstützen – angefangen von der Unternehmensgründung bis hin zu rechtlichen Themen und der Steuerberatung. Hier arbeiten wir eng mit einem Netzwerk aus Experten zusammen. Zudem stellen wir Arbeitsplätze zur Verfügung und ermöglichen den Zugang zu Technologie-Services im Wert von mehreren Hunderttausend Euro. Im Rahmen von verschiedenen Workshops in Bereichen wie Marketing, Personal, Strategie und in Technologiefragen wird von unseren Partnern relevantes Wissen vermittelt. Gleichzeitig bringen wir erfahrene Gründerinnen und Gründer aus der Start-up-Szene und auch Experten im Zuge der Mentoring-Sessions mit den Start-ups zusammen, um Wissen weiterzugeben, aber auch die Teams herauszufordern.

Der Mix aus verschiedenen Elementen und der Grad an Individualisierung, den wir für die Teams anbieten, hat sich bisher als sehr positiv herausgestellt. Des Weiteren bringen wir als professioneller Investor natürlich ein sehr großes Investorennetzwerk mit und unterstützen aktiv in den kommenden Finanzierungsrunden.

Medien-Branche investiert

Man könnte meinen, dass es die Medien-Branche gerade in Zeiten sinkender Auflagen und fallender Anzeigenpreise den Start-ups besonders schwermacht, Fuß zu fassen. Aber im Gegenteil: Wenn man sich umsieht, stellt man schnell fest, dass viele Verlage bereits in Start-ups investiert haben und hier zukunftsfähige, neue und innovative Ideen sehen – so wie zum Beispiel Axel Springer mit dem Axel Springer Plug and Play Accelerator. Die anfängliche Skepsis scheint verflogen und durch die Zusammenarbeit von Verlagshäusern mit jungen Unternehmen werden Innovationen und die Weiterentwicklung der Branche unterstützt.

Auch beim Leser kommen die „jungen Wilden“ sehr gut an. Die Umsonst-Mentalität stellt dabei – entgegen der landläufigen Meinung – kein Problem dar. Ich bin der Überzeugung, dass gerade im Content-Bereich Leser und Konsumenten bereit sind, für Inhalte zu bezahlen. Voraussetzung hierfür ist, dass diese einen erkennbaren Mehrwert darstellen, einzigartig sind und einen individuellen Bedarf stillen. Zwar stellt die Einführung von „paid content“ für Magazine und Portale mit geringen Reichweiten noch eine große Herausforderung dar, doch gilt es hier, abhängig vom jeweiligen Format, innovative Wege der Monetarisierung abseits von bezahlten Anzeigen (Stichwort Adblocker) zu finden und diese umzusetzen.

Ausblick

Die Medienbranche wird sich weiter stark verändern – davon ist zumindest heute auszugehen. Es wird neue Player geben und darüber hinaus wird mehr Freiraum für Innovationen und neue Formate geschaffen. Modifizieren wird sich auch die Mediennutzung: von Text hin zu visuellen Formaten. Hier stellt sich die Frage, was noch kommt, nach Instagram und Snapchat.

Wie man in diesem Jahr bereits beobachten konnte, wird den Start-ups in der Medienbranche noch mehr Aufmerksamkeit zuteilwerden: Programme für Medien-Start-ups wurden vermehrt entwickelt und sind sogar bereits gestartet. In Zukunft können wir hier noch mehr Corporates und Unternehmen erwarten, die in Start-ups mit Know-how und einer Beteiligung investieren wollen.

Start-ups des Medien-Inkubators Project Flying Elephant

Vier Start-ups des Projekts legen den Fokus auf den Bereich Medientechnologie:

• Das 12K-Team widmet sich der Gewinnung relevanter Informationen aus Experten-Medien mit Data Mining und entwickelt ein Produkt, das Nutzern das Entdecken, Verstehen und Beobachten von Trends vereinfachen soll. (www.12k.co)
• link.fish arbeitet an einem Bookmark-Manager, der die Inhalte von gespeicherten Webseiten versteht und nutzerfreundlich aufarbeitet. So können zum Beispiel Wohnungsinserate aus unterschiedlichen Quellen nach individuellen Kriterien des Nutzers geordnet, gefiltert und auf einer Karte angezeigt werden (www.link.fish)
• Mealy ist eine Koch-App mit hochwertigen Food-Blogger-Rezepten und individuellen Rezept-Empfehlungen (www.mealy-app.com).
• Die Gründer von Shnups widmen sich der plattformübergreifenden Sammlung relevanter Inhalte zu einem Hashtag (www.shnups.com).

Vier weitere Start-ups sind im Content-Bereich anzusiedeln und ebenfalls seit Oktober Teil von Project Flying Elephant:

• Deine Korrespondentin ist ein digitales Magazin, das inspirierende Geschichten von und mit Frauen aus der ganzen Welt erzählt (www.deine-korrespondentin.de).
• Labiotech ist das führende digitale Magazin über die europäische Biotech-Industrie (www.labiotech.eu)
• Rosegarden ist ein unabhängiges Lifestyle- und Gesellschaftsmagazin (www.rosegarden-mag.de).
• Veggie Love ist ein Online-Magazin über das vegane Leben über Eco Fashion bis hin zu Naturkosmetik (www.veggie-love.de).

www.projectflyingelephant.com

Masoud Kamali ist CEO und Gründer von WestTech Ventures sowie der S&S Media Group mit zahlreichen IT-Printmagazinen, Onlineportalen, Fachkonferenzen und der Entwickler Akademie. WestTech Ventures ist seit 2008 als Seed-Investor in Berlin mit tätig. Das aktive Portfolio umfasst derzeit ca. 20 Beteiligungen. Project Flying Elephant ist der Inkubator des Frühphaseninvestors und setzt sich aus zwei Programmen zusammen: Dem Technologieprogramm für Technologie-orientierte Startups und dem Medien- und Medientechnologie-Programm für Startups, die in der Medienbranche zu Hause sind.