Homo Digitalis

    … und die Frage: Wie reagiert die Gesellschaft auf die stetige Digitalisierung?

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    Prof. Dr. Isabella Peters, Informationswissenschaftlerin,

    ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft

     

    Wird es in Zukunft nur noch den Homo Digitalis geben? Und wenn ja, wie sieht der durchdigitalisierte Mensch aus? Wird er mutieren zu einem Hybrid aus Körper und implantierter Software? Wird die digitale Kluft, die bereits jetzt durch Deutschland geht, noch tiefer und unüberwindlicher werden? Oder bleibt alles beim Alten? [1]

    Zahlreiche Wissenschaftler/innen haben in den letzten Jahrzehnten Zukunftsszenarien für die digitale Zukunft entwickelt. Sie haben Fragen gestellt wie: Wie wird die Gesellschaft auf die ständige Digitalisierung reagieren? Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, dass Menschen von der einen Seite der digitalen Kluft auf die andere wechseln? Und wie definieren sich Menschen, wenn sie dauernd mit digitalen Technologien konfrontiert werden?

    Die unterschiedlichen Szenarien halten sich auf zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Auf der einen Seite steht Luciano Floridi, Professor für Philosophie und Informationsethik an der Universität Oxford, mit seinem Ansatz zu Infosphären und Inforgs (Floridi, 2014). Auf der anderen Seite steht Timothy Berners-Lee, Begründer des WWW, mit seinem Konstrukt der sozialen Maschinen [2].

     

    Verschmelzen die Menschen der Zukunft unauflöslich mit der Virtualität …?

    Floridi sieht die Menschen der Zukunft vor allem in Infosphären, in denen sie unauflöslich mit der Virtualität verknüpft sind und mit digitalen Produkten zu sogenannten Inforgs (informational organisms) verschmelzen [3]. Seine Vision: IKT-Endgeräte werden künftig nicht länger notwendige, sondern unerlässliche Bedingung des menschlichen Lebens und menschliches Leben wird rasch eine Frage der Online-Erlebnisse sein. Dann wird die ohnehin dünne Linie zwischen online und offline völlig verwischt sein und digitale Technik wird die Existenz und die Realitätswahrnehmung der Menschen grundlegend verändern.

     

    … oder gestalten sie ihre Realität mithilfe einer web-basierten Infrastruktur?

    Berners-Lee hingegen beschreibt die web-basierte Infrastruktur der Zukunft als eine soziale Maschine, die Menschen befähigt, die Realität zu gestalten. Ein Werkzeug also. Seine Vision: Die sozialen Maschinen, also die web-basierte Infrastruktur, werden Prozesse sein, in denen Menschen die kreative Arbeit leisten und Maschinen die Verwaltung übernehmen. Die digitale Technik stärkt die Menschen, und das Resultat der Interaktion zwischen Mensch und Technik wird aufgefasst als ein Beschleunigungsfaktor für das digitale Leben. Anders als bei Floridi bleiben beide Akteure, die web-basierte Technik und der Mensch, getrennt. Trotz dieser Trennung werden aber klare Abhängigkeiten zwischen ihnen erscheinen und zu einem sozio-technischen System führen, in dem die beiden Akteure sich gegenseitig formen.

     

    Zwei Zukunftsszenarien: ‚Inforgs‘ vs. ‘Web of People’

    Aus menschlicher Perspektive ist der erste Ansatz eine eher passive Vision, die Digitalisierung wird erlitten und die Transformation ist zwingend, um nicht in „informatorischen Slums“ zu verharren. Der zweite Ansatz gibt Menschen eine mehr aktive Rolle und erlaubt ihnen, ihre Umwelt zu gestalten, indem sie Technik als Werkzeug nutzen und „die quasi unbeschränkte Interaktion des ‘Web of People’ zulassen“. Das heißt auch, dass im ersten Konzept Menschen zu einer neuen Lebensform mutieren, indem sie, vermutlich, gewisse Aspekte des Menschseins verlieren und dafür andere Fertigkeiten und Eigenschaften erwerben. Das andere Konzept hingegen unterscheidet weiter zwischen Menschen und Digitalität, erlaubt ihnen aber gleichzeitig die Schaffung neuer Produkte und Prozesse, die ohne die Kombination von menschlicher Intelligenz und digitaler Technik nicht möglich wären.

    Im beruflichen Umfeld erleben wir bereits, dass digitale und web-basierte Technologien einen immer größeren Raum einnehmen. Sie erlauben orts- und zeitunabhängige Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Beschäftigten und machen dadurch die Organisation von Arbeitsprozessen flexibler und effizienter. Da digitale Werkzeuge, ob privat oder durch das Unternehmen bereitgestellt, mittlerweile allgegenwärtig sind, hat sich die Transformation hin zur vollen Digitalität beschleunigt und auch bislang verborgene Bereiche einbezogen (z.B. Online-Versionen für die Menüplanung in Werkskantinen).

     

    Visionen einer digitalisierten Welt

    Floridi und Berners-Lee beschreiben zwei diametral entgegengesetzte Visionen der digitalisierten Welt. Betrachtete man weitere Zukunftsszenarien ist eins festzuhalten: Digitale Werkzeuge werden sich insbesondere dort weiter etablieren wo sie eine faktische oder konzeptuelle Lücke füllen und direkte Mehrwerte schaffen. Wie bei jedem Werkzeug muss die Anwendung aber zunächst erlernt und seine Auswirkung erfahren werden.

    Sowohl Floridi als auch Berners-Lee zeigen auf, dass Gesellschaften, das heißt insbesondere auch Unternehmen, gerade jetzt sich damit befassen sollten, welche Art von Sphären, Umgebungen und Auswirkungen sie schaffen. In einem weiteren Schritt sollte eine Bewertung erfolgen, um erstrebenswerte von unerwünschten Ergebnissen sinnvoll zu unterscheiden. Denn so viel ist sicher: digitale und web-basierte Technologien werden nicht wieder verschwinden und ihre Nutzung beeinflusst in massiver Weise die Welt, in der wir leben.

    Referenzen

    [1] Die Idee zu diesem Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Dr. Janina Sombetzki (CAU Kiel) entstanden. Ein Workshop zum Thema ist für das Jahr 2016 geplant.

    [2] Hendler, J., & Berners-Lee, T. (2010). From the Semantic Web to Social Machines: A Research Challenge for AI on the World Wide Web. Artificial Intelligence, 174, 156–161.

    [3] Floridi, L. (2014). The 4th Revolution. How the Infosphere is Reshaping Human Reality. Oxford: Oxford University Press.

     

    www.zbw.eu/de/forschung/web-science/isabella-peters/

    Prof. Dr. Isabella Peters ist Professorin für Web Science am Institut für Informatik an der Universität Kiel und arbeitet darüber hinaus an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft in Kiel. Isabella Peters forscht insbesondere über die wissenschaftliche „Produsage“ von Social Media. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Social Media und Web 2.0 (insbesondere nutzergenerierter Content), Science 2.0, wissenschaftliche Kommunikation im Social Web sowie Altmetrics, Wissensrepräsentation und Information Retrieval